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Einzige in ganz Bayern: Tankstelle in Schrobenhausen bietet fast komplett klimaneutralen Diesel an

27.03.2022

Einzige in ganz Bayern: Tankstelle in Schrobenhausen bietet fast komplett klimaneutralen Diesel an

Die Idee hatte Nico Zieglmeier bereits vor fünf Jahren. Vorbild waren die skandinavischen Länder. Dort gab es damals schon Tankstellen, die neben konventionellem Treibstoff auch ein abfallbasiertes und nahezu klimaneutrales Produkt für Dieselfahrzeuge angeboten hatten: HVO100 heißt es.

Der Schrobenhausener Tankstellenbetreiber entschied, dieses Produkt anzubieten. Die Nachfrage war mäßig. Inzwischen steigt die Nachfrage.

Die Idee klingt simpel. Man tankt seinen Pkw, Lkw, Bus oder Traktor anstatt mit herkömmlichem Diesel mit einem aus Abfallresten gewonnenen, vollsynthetischen Treibstoff, zahlt ein paar Cent mehr pro Liter und ist mit seinem Fahrzeug dafür nahezu klimaneutral unterwegs. Geht das wirklich so einfach?

Ja, sagt Thomas Koch, Professor am Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Der Experte für Antriebstechnik hat mit seinem Team in den vergangenen Jahren verschiedene Langzeitversuche mit HVO100 durchgeführt. Sein Ergebnis: "Wir haben ausschließlich positive Erfahrungen gemacht, was Emissionsverhalten und Robustheit betrifft. " Vom Wissenschaftler ist weiter zu erfahren, dass HVO aus Abfall- und Reststoffen wie beispielsweise Altfetten und Bioabfällen besteht. Im Produktionsprozess werden diese mit Wasserstoff behandelt, wie es die Bezeichnung "Hydrotreated Vegetable Oils" (kurz HVO) aussagt.

 

Abfallbasierter Kraftstoff

Thomas Willner, Professor für Verfahrenstechnik an der HAW Hamburg, arbeitet ebenfalls schon lange auf dem Gebiet der abfallbasierten Kraftstoffe. Er unterstreicht die hohe Energieeffizienz dieser Art von synthetischen Treibstoffen, die zu den abfallbasierten E-Fuels gehören. Seine Untersuchungen haben gezeigt, dass man dafür weniger als zehn Kilowattstunden Strom pro 100 Kilometer Fahrstrecke benötigt. Das sei "deutlich weniger" als bei einem durchschnittlichen Elektroauto, sagt der Forscher.

 

Das Schrobenhausener Familienunternehmen Zieglmeier verkauft HVO100 derzeit als einziger in ganz Bayern an drei Tankstellen: einmal in Ingolstadt, zweimal in Schrobenhausen. Denn einer, sagt Nico Zieglmeier, müsse ja mal damit anfangen. Und wie? "Einfach in den leeren Dieseltank geben und losfahren", sagt der 46-Jährige.

Einer der besten Kunden Zieglmeiers ist Moritz Dhom. Der Kfz-Meister aus dem Landkreis Augsburg erzählt, dass man in Skandinavien beispielsweise bereits an Biobenzin-Kraftstoffen arbeite. Auch in den USA komme man auf diesem Gebiet voran.

Kein Austausch der Infrastruktur

Nico Zieglmeier aus Schrobenhausen schwört wegen des Nachhaltigkeitsgedankens auf HVO100. Die Kraftfahrzeuge mit herkömmlichem Dieselmotor müssten dafür nicht umgerüstet werden, die Infrastruktur an den Tankanlagen ebenso nicht.

 

"Um die Klimaziele zu erreichen, sollten wir möglichst kleine CO2-Fußabdrücke setzen", findet auch Thomas Willner. Durch die Beibehaltung, sowohl des Fuhrparks als auch der existierenden Infrastruktur, werde das CO2-Budget für das Erreichen der Klimaziele nicht so stark belastet wie durch deren Austausch. Aus Sicht des Wissenschaftlers wäre das also "der schnellste, ressourcenschonendste und außerdem preisgünstigste Weg für die Klimawende im Verkehr".

So sieht das auch Moritz Dhom. Der 34-jährige Kfz-Meister findet, dass der Motor mit HVO100 ruhiger, leiser und sauberer laufe. Er engagiert sich in seiner Freizeit unter anderem bei der Initiative "eFuelsNow" und setzt sich für eine technologieoffene, marktwirtschaftliche Umsetzung ein: ". Wir sind nicht gegen irgendeine Technologie, sondern explizit dafür, dass man alle Klimaschutz-Technologien nutzen kann", sagt er. Eine Universallösung funktioniere nicht, denn nicht überall führe der gleiche Weg zum Ziel. Und nicht jeder Mensch habe die gleichen Bedürfnisse.

Zusätzlich benötige man E-Fuels als Energieträger für alle Technologie-Sparten, sagt Dhom. Aus seiner Sicht sei die Reduktion der weltweiten CO2-Emissionen erst dann möglich, wenn die ölexportierenden Länder ihre Haupteinnahmequelle durch "ein defossilisiertes, transport- und lagerfähiges Öl wie eben E-Fuel" ersetzen könnten. Daneben könne man dadurch auch bisher weniger exportstarke Länder unterstützen und Wohlstand schaffen.

Nico Zieglmeier jedenfalls möchte den besonders energieeffizienten, vollsynthetischen Kraftstoff mittelfristig an allen seiner derzeit 13 Tankstellen anbieten und damit auch einen Teil zum lokalen Klimaschutz beitragen.

Hintergrund: Der Kraftstoff HVO100

Der Ausstoß bei HVO100 sei "zu circa 90 Prozent CO2-neutral und wird vom Hersteller nachgewiesen", sagt Hochschulprofessor Thomas Koch, der voller Überzeugung diesen Treibstoff für Dieselfahrzeuge empfiehlt. Und der weiter betont, dass HVO100 in Deutschland komplett palmölfrei sei und es keine Tank-Teller-Konflikte gebe. Mittlerweile, berichtet Thomas Koch im Gespräch mit unserer Zeitung, hätten viele Autohersteller HVO100 für ihre Produkte "explizit" freigegeben.

 

In Skandinavien und den Beneluxstaaten wird der Kraftstoff nahezu flächendeckend angeboten, und auch im Baltikum ist er schon anzutreffen. Die Produktionskapazität der Öl- und Raffinerieunternehmen wird weiter ausgebaut, weiß der Professor. Wenn es überhaupt einen Nachteil für den Verbraucher gebe, sagt er, dann liege dieser in Mehrkosten im Vergleich zu fossilem Diesel oder Bio-Diesel. Der vollsynthetische HVO100, der auch unter "Renewable Diesel", "Care-Diesel" oder "Fuelmotion" angeboten wird, kostet derzeit um die 15 Cent brutto mehr.

Thomas Koch weist auch darauf hin, dass HVO100 ohne Beimischung nach EU-Norm europaweit zugelassen ist, in Deutschland allerdings noch nicht. Nach Berichten des Focus würde Deutschland deshalb sogar "einen Verstoß gegen europäisches Wettbewerbsrecht riskieren".

Quelle: https://www.donaukurier.de/lokales/schrobenhausen/Einzige-in-ganz-Bayern-Tankstelle-in-Schrobenhausen-bietet-fast-komplett-klimaneutralen-Diesel-an;art603,4859146,G::pic1450,4402279

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